Wie ensteht Bokeh

BokehBokeh

Kamera & Foto

Viele Menschen mit Interesse an der Fotografie stolpern früher oder später über dieses Thema: Wie erzeuge ich diese großen, runden Lichtkreise im Hintergrund? Das Bokeh nimmt je nach Motiv einen wichtigen Platz bei der Bildgestaltung ein. Manchmal genügt es, das Modell bei einer Porträtaufnahme vom Hintergrund lediglich freizustellen. Doch die geschickte Auswahl des Hintergrundes mit einer äußerst angenehmen Charakteristik macht vor allem arrangierte Shots zu einem optischen Leckerbissen. Der folgende Artikel klärt über die wichtigsten Eigenarten des Bokehs auf und mit welchen Mitteln es sich am besten erzeugen lässt.

Unschärfe – von märchenhaft nebulös bis ruppig hart

Bokeh kommt primär bei der Isolation von Motiven mit begrenzter Größe zum Einsatz. In der Landschaftsfotografie ist es daher nicht anzutreffen. Geschmeidige Übergänge zwischen den unscharfen Elementen im Hintergrund verwöhnen das Auge des Betrachters bei Blüten, Haustieren, Porträtaufnahmen von Menschen und ähnlich gelagerten Fotografien. Die fehlende Schärfe im Vorder- und Hintergrund entsteht durch ein stark eingeschränktes Depth of Field (DoF). Bokeh und eine begrenzte Schärfenebene, in der sich das Modell befindet, gehen damit Hand in Hand. Sie sind quasi Partner und können nicht getrennt voneinander existieren. Allerdings zielt der Begriff des Bokehs mehr auf die ästhetischen Merkmale weichgezeichneter Bildinhalte. Denn die Art und Weise, wie der Hintergrund optisch wirkt, hängt stark von den vorherrschenden Lichtbedingungen und der verwendeten Optik ab.

Manchmal wirken Lichtkreise wie schwammige Lichtkreise, die in einem Nebel von Farbübergängen fliesend eintauchen. Manchmal drängen sich entsprechende Elemente mit relativ scharfen Rändern geradezu dominant hervor und scheinen um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu buhlen. Bokeh besteht zudem nicht nur aus sichtbaren Lichtkreisen im Hinter- oder Vordergrund. Auch der restliche Bereich in der Ebene außerhalb des Schärfebereichs übernimmt diese Eigenarten. An reflektierenden Spitzlichtern von Wassertropfen, Lampen, Kerzen oder metallischen Oberflächen sind die Abbildungseigenschaften jedoch am leichtesten zu erkennen.

Nicht immer sorgen diese für Freude und Entspannung. Sogenannte Zwiebelringe im Innern der Bokehbälle sorgen für eine teils schmutzige Optik. Stören noch Farbsäume und zu abrupte Übergänge die Ästhetik, kann der Traum von märchenhaft weichen Farbenspiel ein jähes Ende finden. Einige wissen solche Schwächen in einen Vorteil umzukehren. Den das Bokeh mit offenbar eigensinnigem Charakter verleiht Bildern ebenso eine sehr individuelle Note beim Freistellen wie perfekt auskorrigierte Optiken.

Trotzdem besteht immer das Risiko eines zu nervösen Hintergrundes bei nur geringfügig ausgeprägter Freistellung. Hohen Kontraste wie etwa wilder Graswuchs, Bäume im Sonnenlicht oder anderen anfälligen Elementen stellen eine Art Feuertaufe für jedes Portraitobjektiv dar. Entstehen hier doppelte Konturen mit einer relativ harten Abgrenzung zueinander, erreicht die Freistellung möglicherweise nicht den erhofften Zweck: Das Lenken des Betrachters zum eigentlichen Motiv oder schlicht ein schön anzusehendes Schmuckwerk in der Aufnahme.

Einfluss von Brennweite, Blende und Distanz auf das Bokeh

Immer wieder kursiert die Behauptung, dass ein schönes Bokeh nur mit relativ kostspieligen Vollformatsensoren zu erreichen wäre. Richtig ist: Ein größerer Kamerasensor erleichter die Freistellung beträchtlich. Trotzdem sind prinzipiell alle Systemkameras mit Wechselobjektiven dazu in der Lage. Ziel ist es zunächst, eine möglichst komprimierte Schärfeebene um das anvisierte Motiv beim Fotografieren zu erzeugen. Anfänger können sich das wie eine Blase vorstellen, die das Modell schluckt und vom Rest der Umgebung komplett isoliert. Nähe des Fotografen zum Motiv und ein weitläufiger Hintergrund begünstigen die Freistellung.

Diese einfache Regel der Physik lässt sich einfach mithilfe des eigenen Fingers nachvollziehen. Nahe am Auge verschwimmt der Hintergrund in einem unklaren Farbnebel. Wird der Finger deutlich weiter weggestreckt, so nimmt auch die diese Unschärfe sichtbar ab. Zusätzlich bestimmen bei Objektiven neben Abstand zum Motiv noch die Brennweite und die gewählte Blende den Grad der Freistellung. Eine höhere Brennweite reduziert vom gleichen Standpunkt aus die Schärfeebene deutlich gegenüber einer niedrigen. In der Praxis zeigt sich dieser Effekt jedoch meist nicht, da Fotografen die Bildfläche mit einer gezielten Komposition auszufüllen versuchen.

Bei einer Ganzkörperaufnahme muss das ganze Modell in entsprechender Pose eingefangen werden. Mit einem Weitwinkel mit 24 mm gelingt dies aus sehr kurzer Entfernung. Eine Telebrennweite mit 85 mm verspricht zwar einen deutlich geringeren Schärfenbereich, aber das Motiv sprengt durch den Zoomeffekt den Bildrahmen. Die Konsequenz: Der Fotograf macht einige Schritte zurück, damit sein Modell wieder auf das Bild passt. Diese Anpassung negiert die theoretischen Vorteile teilweise und nennt sich auch Framing. Unterschiede im DoF fallen also nicht sonderlich groß aus.

Trotzdem sind hohe Brennweiten für Porträts und zur Erzeugung eines weichen Bokehs deutlich beliebter. Telebrennweiten zeigen im Gegensatz zum Weitwinkel nur einen kleinen Teil des Hintergrundes, der dadurch perspektivisch stark vergrößert wirkt. So reifen Lichtkreise zu stattlicher Größer heran, während sie unter dem Einsatz eines Weitwinkels eher wie kleine Punkte in Erbsengröße wirken würden. Unabhängig von der gewählten Brennweite nimmt die Blende Einfluss auf den Lichteinfall und das damit direkt im Zusammenhang stehende Freistellungspotenzial. Eine nur mäßig geöffnete Blende von f/8.0 führt zwar zu sichtbaren Freistellung am Vollformatsystemen, aber erst mit Werten ab f/2.8 oder niedriger gewinnt das Bokeh so richtig an Fahrt. Stark geschlossene Blenden wie f/22 lassen die Lichtkreise zunehmend verschwinden und blähen den scharf dargestellten Raum auf. Der eins weichgezeichnete Hintergrund wird klarer und immer mehr fester Bestandteil des Motivs.

  • Brennweite nimmt Einfluss auf Schärfentiefe und Hintergrundperspektive
  • Telebrennweiten eignen sich für Porträts besser als Weitwinkelobjektive
  • große Blendenöffnung (f/2.8 und niedriger) verstärkt die Freistellung sichtbar
  • Nähe zum Fotograf und Distanz zum Hintergrund unterstützen diesen Effekt

Kameras und Objektive – welche Ausrüstung als solide Basis?

Philosophische Streitereien über das richtige System gehören schon immer zum Kernwesen jeder Fotografie-Community. Wie viel Bokeh verkraftet eine Komposition? Dies entscheidet in erster Linie der Fotograf. Vollformatsysteme besitzen einen viermal so große Fläche im Vergleich zu einem kompakten MFT-Sensor (Micro Four Thirds) und gelten deshalb oft als Favorit für echte Bokeh-Fetischisten. Ursache dafür ist die nähere Aufnahmeposition gegenüber dem Motiv. Größere Nähe zur Kamera presst die Schärfeebene sichtbar zusammen. So müssen MFT-Nutzer und identischem Objektiv aufgrund des Crop-Sensors (x2.0) die doppelte Entfernung für den identischen Bildausschnitt (Framing) annehmen. Deshalb wirkt die Vollformatkamera bei gleicher Brennweite und Blende in dieser Disziplin klar überlegen.

APS-C-Sensoren gelten mit einem Crop von nur x1.5 als Bindeglied zwischen den eher kleinen MFT-Sensoren und den Vollformatsensoren. Auch wenn eine Canon EOS 6D oder Nikon D750 immer das Kräftemessen im Bokeh-Wettbewerb gewinnt, müssen Nutzer mit Crop-Systemen nicht gleich resignieren. Wichtig bleibt der Griff zu einer leichten Telebrennweite mit möglichst großer Offenblende, die zudem auch recht kostengünstig für Einsteiger erhältlich sind. Zu nennen wäre das Canon EF 50mm F/1.8 oder das etwas teure Panasonic Lumix G 42,5mm f/1.8. Im Grunde bietet jeder Kamerahersteller im unteren Preissegment attraktive Festbrennweiten an, um Anfänger zum Einstieg in diesen künstlerischen Bereich zu animieren.

Damit es zu keiner Verwechslung kommt: Bei der Wahl der Brennweite sollte der Crop-Faktor des Sensors eingerechnet werden. Beim MFT-System (x2.0) ergibt sich dann aus einer 25mm-Brennweite die Bildwirkung eines 50mm-Objektivs am Vollformat. Eine Liste mit entsprechenden Budget-Linsen bis ungefähr 350 € für den ersten Versuch dient folgend als Orientierungshilfe. Olympus und Panasonic teilen sich zudem einen gemeinsamen Objektivanschluss. Deutlich kostspieliger (800 bis 2200 €) fallen lichtstarke Zoomobjektive mit durchgehender Offenblende aus. Diese bieten enorm viel Flexibilität und können das Bokeh im Hintergrund dank der Telewirkung massiv ausdehnen.

Low-Budget-Objektive für Portraits

SIGMA 60mm f/2.8 DN Art
Panasonic G 42.5 mm f/1.8
Canon EF 50mm f/1.8
Canon EF 85mm f/1.8
Nikon AF-S NIKKOR 50 mm f/1.8
– Pentax DA 50mm f/1.8
Sony SEL-50F18F 50 mm f/1.8

Lichtstarke Telezooms

Sigma 70-200 mm F2,8 EX DG OS HSM
Tamron SP 70-200mm F/2.8 Di VC USD G2
Canon EF 70-200 mm f/2.8 L USM Objektiv
Nikon AF-S Nikkor 70-200mm f/2.8 G ED VR II
Olympus M.Zuiko Digital ED 40-150mm 1:2.8 Pro
Sony SEL-70200GM FE 70-200 mm f/2.8 GM OSS

Bokeh-Panorama nach der Brenizer-Methode

Bokehramas gewähren Fotografen die Möglichkeit, selbst mit kleinen Crop-Sensoren eine massive Freistellung zu erzielen. Prinzipiell funktioniert dies auch an allen anderen Kamerasystemen. Durch eine zu nahe Aufnahme wird das Motiv zwar vom Bildrahmen abgeschnitten, aber im Gegenzug reduziert sich auch die Schärfenebene. Damit das Modell dennoch komplett auf dem finalen Ergebnis zu bestaunen ist, bedient sich das Bokehrama eines bekannten Tricks. Es nutzt die Panoramatechnik um ein neues Bild aus mehreren, leicht versetzten Einzelschüssen zu erstellen. Eine kreisrunde oder schlangenlinienförmige Reihenfolge der Aufnahmen liefert das passende Ausgangsmaterial. Allerdings gibt es dabei einiges zu beachten.

Wie beim Panorama dürfen die Abstände zwischen den einzelnen Abschnitten nicht zu groß Ausfallen. Grob ein Viertel muss sich weiterhin überlappen. Bokeh-Kompositionen aus verschiedenen Aufnahmen funktionieren außerdem nur an ruhenden Motiven. Ein ruhendes Modell ist daher bis zur Vollendung der Serie Grundvoraussetzung. Damit die Kamera einheitliche Bilder aufnimmt, muss der Fokus, Belichtungsmessung und Weißabgleich zuvor manuell gesetzt werden. Farbverschiebungen oder Helligkeitsschwankungen erschweren ansonsten das Kombinieren der Einzelaufnahmen in einem Tool wie Microsofts Image Composite Editor (ICE) beträchtlich. Eine nachträgliche Bearbeitung in Photoshop zur Glättung harter Übergange ist meist noch empfehlenswert. Im Endeffekt simuliert diese nach ihrem Erfinder (Brenizer) getaufte Methode den Bildwinkel eines größeren Sensors. Die Technik erfordert etwas Planung und Übung, damit brauchbare Resultate entstehen.

Letzte Aktualisierung am 21.08.2018 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API